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16 Mai 2024 | Duftkultur

PARFUM UND DUFTGEDÄCHTNIS: WARUM WECKEN GERÜCHE ERINNERUNGEN?

Warum genügt manchmal ein Geruch, um uns um Jahre zurückzuversetzen? Weil wir ihn im Laufe unseres Lebens mit einem Menschen, einem Ort oder einem Gefühl verbunden haben. Begegnet er uns wieder, kann er eine Erinnerung wachrufen, nach der wir gar nicht gesucht haben.

Das ist eine der faszinierendsten Seiten unseres Duftgedächtnisses.

Die Parfümerie kann jedoch mehr, als Vergangenes wieder wachzurufen. Sie kann mit unseren Erinnerungen spielen, sie neu deuten und uns von Epochen träumen lassen, die wir selbst nie erlebt haben.

Shalimar, die Haut einer Mutter und eine erste Erinnerung

Fragt man Jean-Pierre Marois, Gründer und Kreativdirektor von Les Bains Guerbois, nach seiner ersten Dufterinnerung, antwortet er:

„Wahrscheinlich die Mischung aus dem Duft der Haut meiner Mutter und Shalimar von Guerlain.“

Was ihm im Gedächtnis geblieben ist, ist die Nähe eines Menschen. Das Parfum und der Eigengeruch seiner Mutter sind für ihn untrennbar miteinander verbunden.

Bei anderen mag Shalimar eine Epoche, einen Flakon auf einer Frisierkommode oder eine elegante Frau wachrufen. Für Jean-Pierre ist es ein geliebter Mensch, eine Kindheitserinnerung, die nur ihm gehört.

Dasselbe Parfum kann Teil ganz unterschiedlicher Geschichten sein.

Ein Geruch muss weder selten noch außergewöhnlich sein, um unvergesslich zu werden. Manchmal hat er einfach einen wichtigen Augenblick unseres Lebens begleitet. Und Jahre später schenkt er uns diesen Moment unvermittelt zurück.

Warum wecken manche Gerüche Erinnerungen?

Am Anfang stehen die Duftmoleküle, die wir einatmen. Sie reizen Rezeptoren in unserer Nase, die Informationen an den Riechkolben und von dort an verschiedene Bereiche des Gehirns weiterleiten.

Das Riechsystem ist eng mit Regionen verbunden, die an Emotionen und Gedächtnis beteiligt sind, insbesondere mit der Amygdala und dem Hippocampus. Diese Verbindungen tragen dazu bei, dass manche Gerüche persönliche Erlebnisse so eindringlich wachrufen können.

Der Duft der Bettwäsche im Elternhaus, eines Gartens nach dem Regen oder des Parfums eines verstorbenen Menschen kann einen Augenblick ins Bewusstsein zurückholen, mitsamt den Gefühlen, die mit ihm verbunden waren.

Eine im Oktober 2026 in Psychonomic Bulletin & Review veröffentlichte Metaanalyse von 18 wissenschaftlichen Studien verglich autobiografische Erinnerungen, die durch Gerüche ausgelöst werden, mit Erinnerungen, die andere Sinnesreize hervorrufen.

Im Durchschnitt wurden geruchsbedingte Erinnerungen emotional intensiver erlebt und waren mit einem stärkeren Gefühl verbunden, in die Vergangenheit zurückversetzt zu werden. Sie konnten auch weiter zurückliegende Lebensphasen in Erinnerung rufen.

Dagegen fanden die Forschenden keinen signifikanten Vorteil von Gerüchen hinsichtlich der Lebhaftigkeit oder Spezifität dieser Erinnerungen. Die beobachteten Effekte waren selektiv, meist eher gering und abhängig von den jeweiligen Versuchsbedingungen.

Ein Geruch kann uns also das Gefühl geben, einen Moment besonders intensiv wiederzuerleben, ohne dass wir uns zwangsläufig an mehr Einzelheiten erinnern. Auch sagt die Stärke des Gefühls nichts darüber aus, ob die Erinnerung das Geschehene vollkommen getreu wiedergibt.

Wir finden die Vergangenheit nicht immer so wieder, wie sie war, sondern so, wie sie zu uns zurückkehrt.

Prousts Madeleine: Was erzählt die berühmte Stelle wirklich?

Die „Madeleine von Proust“ ist längst zur festen Redewendung geworden. Sie bezeichnet heute eine Sinneswahrnehmung, die eine Erinnerung wachruft, häufig aus der Kindheit.

Doch in Auf dem Weg zu Swann, erschienen 1913, ist die Szene subtiler als der bloße Duft eines Kuchens.

An einem Wintertag bietet die Mutter des Erzählers ihm Tee an und lässt kleine Madeleines bringen. Er führt einen Löffel Tee zum Mund, in dem ein Stück Gebäck aufgeweicht ist.

Ein unerklärliches, überwältigendes Glücksgefühl erfasst ihn.

Die Empfindung überrascht ihn, noch bevor er ihren Ursprung verstehen kann. Er versucht herauszufinden, was diese Freude ausgelöst hat, befragt sein Gedächtnis und sucht erneut nach dem Gefühl.

Schließlich taucht die Erinnerung auf: Sonntagmorgen in Combray, seine Tante Léonie und die Madeleine, die sie ihm anbot, nachdem sie diese in ihren Tee oder Lindenblütenaufguss getaucht hatte.

Proust erkundet hier das unwillkürliche Gedächtnis. Eine unerwartete Empfindung lässt etwas wieder auftauchen, das der bewusste Wille allein nicht zurückholen konnte.

Entgegen der geläufigen Verkürzung geht es nicht nur um den Geruch einer Madeleine. Geschmack, Tee, die Textur des Gebäcks und die dadurch ausgelösten Empfindungen bilden ein Erlebnis, das eng mit der persönlichen Geschichte des Erzählers verknüpft ist.

Die Madeleine selbst hat nichts Wundersames an sich. Außergewöhnlich wird sie, weil sie Teil dieser Vergangenheit ist.

Für andere könnte es eine zu Weihnachten geschälte Orange sein, der Kaffee eines Großelternteils oder der Geruch eines alten Buches.

Die Madeleine ist berühmt. Aber jeder hat seine eigene.

1900 L’Heure de Proust: Die Kunst, mit der Madeleine zu spielen

Als wir 1900 L’Heure de Proust gemeinsam mit Jérôme Epinette entwickelten, hätten wir versuchen können, den Duft einer Madeleine nachzubilden. Das wäre naheliegend gewesen. Vielleicht allzu naheliegend.

Wir wollten die Erwartungen lieber durchkreuzen.

Proust gehörte zu den Persönlichkeiten, die Les Bains Guerbois besuchten, jenes Badehaus, das 1885 in der Rue du Bourg l’Abbé 7 eröffnet wurde. Und in den Bains ging es nicht nur ums Baden. Es gab auch den Salon Chinois, in dem Tee serviert wurde.

Tee hatte deshalb einen selbstverständlichen Platz in unserer Kreation. Aber nicht irgendein Tee.

Wir stellten uns einen spritzig-säuerlichen Auftakt mit Pomelo vor, der an die Bonbons von La Pie qui Chante aus unserer Kindheit erinnern kann. Darauf folgt schwarzer Tee mit fruchtigen Anklängen, fast wie ein Rotfrüchtetee von Mariage Frères, wobei die Heidelbeere die Frische der Pomelo aufgreift.

Und die Madeleine?

Uns ging es nicht darum, ein Gebäck möglichst naturgetreu nachzubilden. Die Gourmand-Note war durchaus vorhanden, doch uns interessierte vor allem die weiche Konsistenz eines Kuchens, der gerade aus dem Ofen kommt. Dieses sanfte, warme, beinahe umhüllende Gefühl, weniger sein exakter Geschmack.

Pralinenakkord und Vanille tragen zu dieser Illusion von Weichheit bei. In der offiziellen Duftpyramide findet sich keine ausdrückliche Madeleine-Note. Und doch scheint der Kuchen nie weit entfernt.

Er bleibt eine dezente Anspielung, während Pomelo, Heidelbeere und schwarzer Tee eine unerwartetere Atmosphäre entstehen lassen.

Bei Proust trägt eine Empfindung den Erzähler in seine Vergangenheit zurück. Für 1900 L’Heure de Proust nehmen wir diese vertraute Geschichte zum Ausgangspunkt und verschieben die Eindrücke, die wir mit ihr verbinden.

Wir wollen keine Erinnerung reproduzieren, die uns nicht gehört. Wir spielen mit ihrer literarischen Beschwörung, mit dem Bild, das jeder von einer Madeleine, einer Teestunde und einer bestimmten Sanftheit hat.

Nicht die Madeleine nachbilden, sondern die Erwartungen an sie verrücken.

Und dem Menschen, der das Parfum trägt, die Freiheit lassen, eigene Assoziationen darin zu finden oder einfach eine vorgestellte Atmosphäre zu genießen.

Kann uns ein Parfum von einer Epoche träumen lassen, die wir nie erlebt haben?

Ende der 1970er-Jahre werden die Bains Douches zu einer der Pariser Bühnen einer neuen Musikergeneration. Post-Punk, New Wave, Cold Wave: Bands, die mit ihren Klängen, ihrer Haltung und ihrer Energie Konventionen durchbrechen.

Am 18. Dezember 1979 tritt Joy Division dort auf. Eines der Daten, aus denen die Legende des Ortes gewachsen ist.

Doch wie vermittelt man das Gefühl einer Epoche an jemanden, der sie nicht erlebt hat? An jemanden, der vielleicht noch gar nicht geboren war?

Genau darum geht es bei 1979 New Wave, entstanden mit Dominique Ropion.

Wir wollten nicht den Geruch eines Konzertsaals nachstellen. Wir wollten die Fantasie beflügeln.

Man stelle sich eine Nacht im Dezember 1979 vor. Oder einfach den Geruch einer Schallplatte, die auf einen Technics-MK2-Plattenspieler gelegt wird. Das erste Knistern, der einsetzende Bass, der Rhythmus, der einen erfasst. Die Kälte, die elektrische Spannung dieser Musik und der Mythos, der eine ganze Künstlergeneration bis heute umgibt.

Im Parfum sorgen Minznoten für fast eisige Frische. Iris bringt eine pudrige, erdige Spannung mit leicht metallischen Nuancen. Zeder und Sandelholz verleihen der Komposition Tiefe.

Keine historische Rekonstruktion, keine vorgeschriebene Nostalgie. Das Parfum lässt uns diese Nacht ausmalen, die Energie der Musik spüren und von einer Epoche träumen.

1979 New Wave will uns nicht glauben machen, wir seien damals dabei gewesen. Es lässt uns wünschen, wir wären es gewesen.

Parfum zwischen Erinnerung und Fantasie

Ein Geruch kann uns zu einem geliebten Menschen, einem Ort oder einem beinahe vergessenen Augenblick zurückführen. Ein Parfum kann uns aber auch anderswohin entführen.

Aus einer Geschichte, einem Musikstück oder einer Empfindung kann ein Parfümeur etwas erschaffen, das es in dieser Form noch nie gegeben hat. Er bildet nicht unbedingt einen Duft der Vergangenheit nach, sondern bietet seine Interpretation an.

Diese Freiheit schätzen wir bei Les Bains Guerbois besonders.

Manche Parfums erinnern uns daran, woher wir kommen. Andere wecken die Sehnsucht nach Orten, an denen wir noch nie gewesen sind.

Weiterführende Quellen

Duftgedächtnis und Neurowissenschaften

Bobei, O. I., Cîrneci, D. und Podina, I. R. (2026). Is the Proust phenomenon fact or fiction? A systematic review and meta-analysis of odor-evoked autobiographical memory. Psychonomic Bulletin & Review, 33, Artikel 264.

https://doi.org/10.3758/s13423-026-03025-z

Duftgedächtnis und Emotionen

Herz, R. S. (2004). A naturalistic analysis of autobiographical memories triggered by olfactory, visual and auditory stimuli. Chemical Senses, 29(3), 217–224.

https://doi.org/10.1093/chemse/bjh025

Prousts Madeleine

Marcel Proust, Du côté de chez Swann, erster Teil, „Combray“, 1913.

https://www.gutenberg.org/files/2650/2650-h/2650-h.htm

Die Musikgeschichte der Bains Douches

Archives des contre-cultures musicales, Université de Tours, Programm der Bains Douches, 1979–1980.

https://archivesdupunkenfrance.univ-tours.fr/1979/10/30/les-bains-douches/

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