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SEIT 1885

LES BAINS GUERBOIS: EIN ORT, VIELE LEBEN

Vom privaten Badehaus zum Nachtclub, vom Hotel zum Parfum.

Portal und Fassade von Les Bains in der 7 rue du Bourg l’Abbé

Bevor wir über Parfum sprechen, müssen wir über den Ort sprechen. Les Bains Guerbois entstand 1885 in der 7 rue du Bourg l’Abbé, lange bevor daraus ein Parfumhaus wurde. Dieser Ort, seine verschiedenen Leben, die Menschen, die ihn durchquert haben, seine Architektur, seine Nächte, seine Exzesse und seine Erinnerungen prägen bis heute alles, was wir erschaffen. Unsere Parfums stammen nicht aus einer Geschichte, die man für sie erfunden hat. Sie stammen aus einer Geschichte, die schon da war.

Seit 1885 hat der Ort mehrmals sein Gesicht verändert, ohne zu verlieren, was ihn einzigartig macht: eine bestimmte Art, Vergnügen, Kreativität und Freiheit zu verbinden. Auf die Bäder des 19. Jahrhunderts folgten die Nächte der Bains Douches, dann das Hotel Les Bains Paris. Mehr als ein Jahrhundert nach der Eröffnung der ersten Bäder ist diese Geschichte zum Stoff für Parfum geworden.

1885, LES BAINS GUERBOIS

Triptychon aus dem Archiv von Les Bains Guerbois: Porträt von Auguste Guerbois, gemalt von Henri Michel-Lévy, die Marmortafel an der Freitreppe mit der Liste der angebotenen Bäder und ein Artikel über das Haus im Panthéon de l’Industrie.Marmortafel an der Freitreppe von Les Bains Guerbois mit der Liste der verschiedenen vom Haus angebotenen Bäder.

1885 eröffnet Auguste Guerbois in der 7 rue du Bourg l’Abbé ein privates Badehaus, das schnell zu einer beachteten Adresse des Pariser Lebens wird. Man kommt natürlich zum Baden, aber auch wegen all dessen, was der Ort darüber hinaus schon bietet: Komfort, Pflege, Geselligkeit und eine sehr offen gelebte Form von Genuss. Monet, Renoir, Zola und Proust gehören zu den Künstlern und Schriftstellern, die in der Geschichte der Bains festgehalten sind.

Schon in diesem ersten Leben entsteht etwas, das sich durch alle folgenden ziehen wird. Les Bains war nie nur eine Kulisse. Es ist ein Ort, an den man kommt, um etwas zu erleben.

„Wenn man Les Bains Guerbois besucht hat und an die alten Einrichtungen dieser Art im alten Paris zurückdenkt, staunt man über den Luxus und den Komfort, den man dort vorfindet.“

Le Temps, 16. September 1890

1978, LES BAINS DOUCHES

Eine Nacht in den Bains Douches vor den Kacheln des Clubs
Foto: Foc Kan

Fast ein Jahrhundert später ändert die 7 rue du Bourg l’Abbé radikal ihren Rhythmus. Jacques Renault und Fabrice Coat verwandeln die alten Bäder in einen hybriden Ort, zugleich Club, Restaurant, Bar und Konzertsaal. Philippe Starck, damals am Anfang seiner Karriere, gestaltet das Interieur.

Am 21. Dezember 1978 öffnen Les Bains Douches ihre Türen. Für diese erste Nacht inszeniert Philippe Starck ein radikales Bild: Kunstschnee auf der Straße, russisches Alphabet, eine rote Fahne, versenkt in einem blutroten Becken. Pierre et Gilles gestalten die Einladungskarte. Mehr als 2.000 Menschen drängen sich in der 7 rue du Bourg l’Abbé. Ein zweites Leben beginnt.

Mehr als dreißig Jahre lang zählen Les Bains Douches zu den emblematischen Orten des Pariser Nachtlebens. Man tanzt und isst dort, kommt aber auch wegen der Musik. Joy Division, Depeche Mode, Simple Minds und Prince, unter anderen, spielen oder treten dort auf. Andy Warhol, Jean-Paul Gaultier, Karl Lagerfeld, David Bowie, Naomi Campbell und Thierry Mugler gehören zu den Stammgästen. Später legt ein junger David Guetta dort regelmäßig auf, lange vor seiner internationalen Karriere.

Doch wer Les Bains auf die Liste derer reduziert, die durch seine Tür gegangen sind, verfehlt das Wesentliche. Was den Ort ausmacht, ist die Mischung: bereits berühmte Künstler und andere, die es noch nicht sind, Mode und Musik, Paris und die Welt, Eleganz und eine gewisse Form von Unordnung. Les Bains empfängt die Berühmtheiten der Zeit, aber auch jene, die gerade erst dabei sind, es zu werden.

Jean-Pierre Marois wächst mit dieser Geschichte auf. Les Bains gehört zu seiner Welt, lange bevor er sich vorstellt, den Ort eines Tages wiederzubeleben.

Eine Nacht im Becken von Les Bains
Foto: Foc Kan

„In den 80er- und 90er-Jahren waren Les Bains Douches das Studio 54 von Paris“

Condé Nast Traveler

2015, LES BAINS PARIS

Die Bar von Les Bains Paris mit ihrem Schachbrettboden

Nach der Schließung des Clubs übernimmt Jean-Pierre Marois den Ort und entscheidet sich, ihm ein neues Leben zu geben. Es wäre leicht gewesen, Les Bains in ein Denkmal seiner eigenen Legende zu verwandeln. Er zieht es vor, den Ort wieder in Bewegung zu bringen.

2015 wird die 7 rue du Bourg l’Abbé zu Les Bains Paris. Hotel, Restaurant, Bar, Club, Ort der Begegnung und des Schaffens: Das Projekt bewahrt einige deutliche Spuren der Vergangenheit, ohne sie nachbauen zu wollen. Das Schachbrettmuster, das Becken und einige vertraute Zeichen sind noch da, doch Les Bains ist kein Museum der 1980er-Jahre. Jean-Pierre will einen lebendigen Ort, der seine eigene Zeit empfangen kann, so wie die früheren Epochen die ihre empfangen haben.

In diesem neuen Leben taucht das Parfum auf. Nicht als im Voraus geplante Markenerweiterung, sondern fast zufällig.

2016, EINE DUFTSIGNATUR FÜR DAS HOTEL

Der Salon mit Buntglasfenstern im Hotel Les Bains Paris

2016 möchte Jean-Pierre Les Bains Paris eine echte Duftsignatur geben. Er wendet sich an die Parfümeurin Dorothée Piot, mit einer Idee im Kopf: einen Duft zu erfinden, der irgendwo zwischen dem Sakralen und dem Sinnlichen liegt, zwischen dem Weihrauch einer Kapelle und der Sinnlichkeit eines Ortes der Lust.

Das Briefing ist schon ganz Les Bains. Es beschreibt keine Liste von Rohstoffen, sondern eine Atmosphäre, die übersetzt werden soll. Im Lauf der Versuche entdeckt Jean-Pierre die Arbeit am Parfum: den Austausch, das Zögern, die Korrekturen und vor allem diese ganz besondere Art, zu zweit zu erschaffen. Er bringt ein Bild, eine Erinnerung, ein Gefühl mit. Der Parfümeur antwortet mit seinen Rohstoffen, seinem Gedächtnis und seiner eigenen Sprache. Die ursprüngliche Idee bewegt sich, wird klarer, verwandelt sich manchmal ganz.

Jean-Pierre findet Gefallen daran. Vor allem zeigt ihm diese erste Zusammenarbeit eine Art zu erschaffen, die ihm entspricht: eine Arbeit zu vier Händen zwischen künstlerischer Leitung und Parfümeur, ohne dass einer den Beruf des anderen ausüben will. Was die Duftsignatur eines Hotels werden sollte, wird zum Ausgangspunkt eines viel größeren Abenteuers.

2018, EINE ERSTE PARFUMKOLLEKTION

Zwei Jahre später beschließt Jean-Pierre, diese Arbeit fortzusetzen und Les Bains Guerbois als Parfumhaus wiederaufleben zu lassen. Das Projekt entsteht nicht aus einer Marktstudie, die beweisen soll, dass der Parfümerie eine neue Marke fehlt. Es entsteht zuerst aus einem Wunsch: den Ort weiter durch Duft zu erzählen.

Der Name ergibt sich von selbst: Les Bains Guerbois, der Name von 1885. Auch die erste Kollektion findet ihr Prinzip in der Geschichte des Ortes. Une Date, Une Histoire geht von genauen Momenten im Leben der Bains aus. Ein Jahr, eine Epoche, eine Stimmung werden zum Ausgangspunkt eines Parfums. Es geht nie darum, einen Duft der Vergangenheit wörtlich nachzubilden. Das Datum öffnet eine Tür, der Parfümeur entscheidet dann, wohin sie führt.

1885, 1978, 1979, 1992, 2015: Die Daten sind nicht da, um Nostalgie zu pflegen. Sie liefern Stoff zur Interpretation. Jean-Pierre gibt eine künstlerische Richtung vor, manchmal ein Bild, eine Musik, eine Farbe, ein Gefühl oder ein paar Worte. Der Parfümeur nimmt diese Geschichte auf und übersetzt sie frei.

2022, DIE KOLLEKTION „FORMES & MATIÈRES“

2022 schlägt Les Bains Guerbois mit der Kollektion Formes & Matières ein zweites Kapitel auf. Wenn Une Date, Une Histoire den Ort durch die Zeit erkundet, betrachtet ihn diese neue Kollektion anders: durch seine Architektur, seine Volumen, seine Oberflächen und seine Materialien.

Das Schachbrett, das Holz, der Lack, Materialkontraste oder Lichtspiele können ihrerseits zu Ausgangspunkten werden. Auch hier geht es nie darum, vom Parfümeur zu verlangen, ein Material wörtlich zu illustrieren. Man gibt ihm eine Richtung und lässt ihn dann interpretieren.

Diese Freiheit erklärt auch die Vielfalt der Parfums des Hauses. Sie wollen nicht alle mit derselben Stimme sprechen. Sie teilen eine Art zu erschaffen, kein Rezept.

BACCHUS, ZEUGE ALLER LEBEN DER BAINS

Gesicht des Bacchus, Emblem der Bains Guerbois

Als Les Bains Guerbois zum Parfumhaus wird, muss es sich kein Emblem erfinden. Es ist schon seit 1885 da.

Auguste Guerbois hatte Bacchus, den Gott des Weins, des Festes und der Freuden, gewählt, um jene zu empfangen, die durch die Tür der Bains traten. Sein Gesicht thront über dem Portal der 7 rue du Bourg l’Abbé. Die Wahl sagt schon viel über den Geist des Ortes: Man kommt in die Bains, um sich zu pflegen, aber auch, um dort Genuss zu finden.

Bacchus hat seitdem alle Leben des Ortes vorbeiziehen sehen. Er hat die Gäste der Bains Guerbois von 1885 empfangen, dann die Tänzer und Nachtschwärmer der Bains Douches und heute die Gäste des Hotels Les Bains Paris. Die Kulisse hat sich verändert, die Gewohnheiten auch. Er ist geblieben.

Sein Gesicht ziert heute die Kappe der Flakons von Les Bains Guerbois. Nicht als für die Parfümerie erfundenes Logo, sondern als Erinnerung an das, was die Geschichte des Ortes von Anfang an durchzieht. Wenn man vor dem Auftragen die Kappe abnimmt, ist Bacchus immer noch da, wie eine Einladung zu denken, dass auch der nächste Sprühstoß ein Vergnügen sein sollte.

JEAN-PIERRE MAROIS, GRÜNDER UND KÜNSTLERISCHER LEITER

Porträt von Jean-Pierre Marois

Jean-Pierre Marois ist nicht über das Parfum zur Parfümerie gekommen. Er ist über Les Bains dazu gekommen. Nachdem er den Ort 2015 wiederbelebt hatte, führte ihn die Suche nach einer Duftsignatur für das Hotel im folgenden Jahr zur Arbeit mit einer Parfümeurin. Diese erste Erfahrung mit Dorothée Piot wird schnell zur Leidenschaft und 2018 zu einem Parfumhaus.

Seitdem hat Jean-Pierre die künstlerische Leitung inne. Seine Rolle ist es nicht, eine Formel vorzugeben oder eine Abfolge von Inhaltsstoffen auszuwählen. Er geht von einer Geschichte aus, einem Datum, einem Bild, einer Musik, manchmal von einem schwer zu beschreibenden Gefühl. Der Parfümeur greift es auf, verschiebt es und gibt ihm einen Duft.

Diese Arbeitsweise hat wahrscheinlich ebenso viel mit seiner Beziehung zu Les Bains zu tun wie mit der Parfümerie selbst. Für Jean-Pierre war der Ort nie etwas, das man unter Glas bewahrt. Jede Epoche muss ihre eigene Interpretation davon anbieten können.

„Les Bains Guerbois ist ein Abenteuer, das mich fesselt. Über drei Jahrhunderte hinweg hat es neuen Atem geschöpft wie nie zuvor. Ein Atem, in dem sich erlesene und neuartige Düfte vermischen, dank der großen Parfümeure, die wir seit 2018 einladen, die großen Daten unseres Hauses in Parfums zu verwandeln. Eine einzigartige, starke und vielseitige Pariser Geschichte, die sich auf Wohlbefinden, Fest, Kreativität und tausend andere Dinge reimt.“

Jean-Pierre Marois, Gründer und Künstlerischer Leiter von Les Bains Guerbois

DEN PARFÜMEUR WEITERGEHEN LASSEN

Im Lauf der Kollektionen arbeitet Jean-Pierre mit Parfümeurinnen und Parfümeuren mit sehr unterschiedlichen Handschriften: Michel Almairac, Fanny Bal, Bertrand Duchaufour, Jérôme Epinette, Mathieu Nardin, Dorothée Piot, Dominique Ropion und Jean-Claude Ellena.

Gemeinsam ist ihnen nicht, dass sie eingeladen wurden, eine Duftsignatur von Les Bains zu reproduzieren. Es ist fast das Gegenteil. Das Briefing gibt einen Rahmen, eine Geschichte oder ein Gefühl vor, aber keine Antwort. Es schreibt keinen Rohstoff vor, weil er gerade im Trend liegt, und keine Formel, die die Kriterien einer Marketingpositionierung abhaken soll. Der Parfümeur verfügt über seine Palette und seine eigene Handschrift.

Jean-Pierre liebt den Moment, in dem ihm das Projekt ein wenig entgleitet. Wenn der Parfümeur mit etwas zurückkommt, das er sich nicht vorgestellt hatte, das aber genau die Geschichte erzählt.

Wir verlangen von den Parfümeuren nicht, uns recht zu geben. Wir bitten sie, uns an einen Ort zu bringen, an den wir allein nicht gegangen wären.

Wahrscheinlich liegt genau hier noch heute das Wesentliche von Les Bains Guerbois. Der Ort war privates Badehaus, Nachtclub, Hotel. Er ist zum Stoff für Parfum geworden, ohne aufzuhören, all das zu sein, was ihm vorausging. Jede neue Kreation fügt den anderen eine Geschichte hinzu, statt sie zu ersetzen.

Seit 1885 hat Les Bains mehrmals sein Leben gewechselt. Es hat nie aufgehört, ein Ort des Genusses und des Schaffens zu sein.

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