NATÜRLICH ODER SYNTHETISCH IN DER PARFÜMERIE: MUSS MAN SICH WIRKLICH ENTSCHEIDEN?
Veröffentlicht am 17. Mai 2024. Aktualisiert am 6. Oktober 2026.
Natürlich beruhigt.
Synthetisch deutlich weniger.
In der allgemeinen Vorstellung ist ein Rohstoff aus einer Blüte, einem Holz oder einem Harz zwangsläufig schöner, edler, gesünder und umweltfreundlicher als ein synthetisch hergestelltes Molekül.
Natürlich oder synthetisch in der Parfümerie: Die Wirklichkeit ist weit interessanter, als dieser Gegensatz vermuten lässt.
Ein natürlicher Rohstoff kann außergewöhnlich sein. Er kann aber auch aus einer übernutzten Ressource stammen, von Ernte zu Ernte schwanken oder von Natur aus Stoffe enthalten, deren Verwendung genau kontrolliert werden muss.
Ein synthetischer Rohstoff kann banal sein. Er kann aber auch von sehr hoher Reinheit sein, dem Parfümeur bemerkenswerte Präzision bieten und ihm erlauben, Eindrücke zu schaffen, die es in der Natur schlicht nicht gibt.
Bei Les Bains Guerbois lieben wir natürliche Rohstoffe zutiefst.
Noch mehr aber lieben wir, was ein Parfümeur daraus machen kann.
IST NATÜRLICH SICHERER?
Nein.
Es ist wohl eines der hartnäckigsten Missverständnisse rund um Parfum.
Ein ätherisches Öl, ein Absolue oder ein natürlicher Extrakt besteht in der Regel nicht aus einem einzigen Molekül. Es ist ein mitunter sehr komplexes Gemisch von Verbindungen, von denen manche allergen, reizend oder oxidationsempfindlich sein können.
Die IFRA betont, dass die Sicherheit eines Stoffes von seinen Eigenschaften, der Dosis und der Exposition abhängt und nicht einfach davon, ob er natürlichen oder synthetischen Ursprungs ist.
Das heißt natürlich nicht, dass Natürliches gefährlich wäre.
Es heißt, dass natürlich nicht dasselbe ist wie harmlos.
Auch die Qualität und die Bearbeitung des Rohstoffs zählen.
Ein natürlicher Rohstoff kann destilliert, gereinigt, rektifiziert oder fraktioniert werden, um bestimmte Bestandteile besser zu kontrollieren. Auch seine Stabilität, Reinheit und Reproduzierbarkeit lassen sich prüfen.
Umgekehrt weiß der Parfümeur bei einem genau charakterisierten synthetischen Molekül ganz exakt, womit er arbeitet.
Ein gut beherrschter synthetischer Rohstoff kann daher in manchen Fällen berechenbarer sein als ein unzureichend kontrollierter natürlicher Extrakt.
Die eigentliche Überlegung lautet nicht:
natürlich = gesund
synthetisch = gefährlich
Sondern:
Welcher Rohstoff, in welcher Qualität, in welcher Dosis und in welcher Formel?
IST SYNTHESE EINE NACHAHMUNG DER NATUR?
Manchmal.
Doch die Synthese auf eine billige Kopie der Natur zu reduzieren, hieße, einen großen Teil der Geschichte der modernen Parfümerie auszulöschen.
Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hat die Chemie die Palette des Parfümeurs erheblich erweitert.
Sie hat es ermöglicht, bestimmte in der Natur vorkommende Moleküle nachzubilden, aber auch den Parfümeuren neue Rohstoffe und neue olfaktorische Effekte zur Verfügung zu stellen.
Ein Molekül kann eine Blüte verstärken.
Einem Holz Luft geben.
Ausstrahlung schaffen.
Eine metallische, saubere, abstrakte oder leuchtende Textur einbringen, die sich mit einem natürlichen Rohstoff allein nicht auf dieselbe Weise erreichen ließe.
Synthese kann das Natürliche verschönern.
Und manchmal will sie es nicht einmal nachahmen.
Sie erfindet.
1979 NEW WAVE: WIE DIE SYNTHESE DAS VOKABULAR DES PARFÜMEURS ERWEITERT
In 1979 New Wave verbindet Dominique Ropion in der Kopfnote zwei Minzen mit Aldehyden, gefolgt von einer Iris concrète mit erdigen und metallischen Nuancen.
Das Wort „Aldehyde“ bezeichnet eine Familie von Molekülen, keinen einzelnen Inhaltsstoff.
Manche Aldehyde kommen in der Natur vor. Viele andere werden in der Parfümerie in synthetisch gewonnener Form verwendet.
Bei New Wave haben wir kein Interesse daran, die natürliche Iris gegen die molekularen Werkzeuge des Parfümeurs auszuspielen.
Gerade ihr Dialog interessiert uns.
Die Aldehyde tragen zu diesem kühlen, vibrierenden und abstrakten Eindruck bei, der dann auf die erdigere Stofflichkeit der Iris trifft.
Ohne dieses Vokabular hätte Dominique Ropion wohl eine andere Geschichte erzählt.
Die Synthese ist also nicht unbedingt dazu da, das Natürliche zu ersetzen.
Sie kann dazu da sein, es in Bewegung zu bringen.
IST EIN NATÜRLICHER ROHSTOFF ZWANGSLÄUFIG NACHHALTIGER?
Auch hier: nein.
Eine Blüte, ein Baum oder ein Harz werden nicht allein dadurch ökologisch vorbildlich, dass sie in der Natur wachsen.
Ein natürlicher Rohstoff braucht Land, Zeit, Wasser, Arbeit und manchmal mehrere Jahre Wachstum bis zur Ernte.
Und wenn ein Rohstoff selten, teuer oder äußerst begehrt wird, kann der Druck auf die Ressource erheblich werden.
OSTINDISCHES SANDELHOLZ: WENN EIN ROHSTOFF OPFER SEINES ERFOLGS WIRD
Ostindisches Sandelholz, Santalum album, ist dafür ein hervorragendes Beispiel.
Sein Holz und sein Öl gehören zu den historischen Rohstoffen der Parfümerie.
Doch sein außergewöhnlicher Wert hat auch Übernutzung, illegalen Einschlag und Schmuggel begünstigt.
Jahrzehntelang setzte die Nachfrage nach diesem kostbaren Rohstoff die wilden Bestände in Indien erheblich unter Druck.
Das heißt nicht, dass die Verwendung von natürlichem Sandelholz heute zwangsläufig unverantwortlich wäre.
Es gibt Plantagen. Die Anbaupolitik hat sich verändert. Besser kontrollierte Lieferketten sind entstanden.
Die Frage lautet also nicht:
„Kann man noch natürliches Sandelholz verwenden?“
Natürlich kann man das, wenn Herkunft und Lieferkette seriös sind.
Die eigentliche Lehre liegt woanders.
Ein schöner natürlicher Rohstoff reicht nicht. Man muss auch wissen, woher er kommt.
GUAJAKHOLZ ODER PALO SANTO: WENN DER NAME SO BEGEHRT WIRD WIE DER DUFT
Guajakholz führt uns noch einen Schritt weiter.
Die lange als Bulnesia sarmientoi bekannte Art, botanisch heute als Plectrocarpa sarmientoi anerkannt, wächst natürlich in Südamerika, insbesondere in der Region des Gran Chaco.
Ihr Holz kann destilliert werden, um ein ätherisches Öl für die Parfümerie zu gewinnen.
Und Guajakholz trägt auch einen Namen, der heute viel vertrauter ist:
Palo Santo.
Oder „heiliges Holz“.
Der Begriff ist in den letzten Jahren besonders begehrt geworden, weit über die Parfümerie hinaus.
Man findet ihn in der Welt des Parfums, des Räucherwerks, des Wohlbefindens und der Dekoration.
Doch man muss genau sein.
Palo Santo ist keine botanische Identität.
Hinter demselben Namen können sich mehrere Arten, mehrere Rohstoffe und manchmal schlicht eine olfaktorische Anmutung verbergen.
Plectrocarpa sarmientoi, in der von der Industrie und von CITES noch weithin verwendeten Nomenklatur Bulnesia sarmientoi, darf insbesondere nicht mit Bursera graveolens verwechselt werden, einer anderen Art, die häufig als Palo Santo verkauft wird.
Wenn ein Rohstoff zum Trend wird, sind diese Unterscheidungen keine Nebensache mehr.
Welche Art?
Welche Herkunft?
Welche Extraktion?
Welche Lieferkette?
Bulnesia sarmientoi ist in Anhang II von CITES gelistet, und der internationale Handel damit ist reguliert.
Die Bestimmungen betreffen vor allem den vorgelagerten Rohstoff, etwa das Holz und bestimmte Extrakte. Fertigprodukte, die diese Extrakte enthalten, darunter Parfums, werden in der maßgeblichen Anmerkung gesondert behandelt.
Es geht also nicht darum zu unterstellen, ein Flakon mit Guajakholz sei an sich ein problematisches Produkt.
Es geht um die Lieferkette, die dem Flakon vorausgeht.
Und genau dort beginnt unsere Verantwortung als Marke.
BEI LES BAINS GUERBOIS BEVORZUGEN WIR DAS NATÜRLICHE, WENN WIR ES SAUBER WÄHLEN KÖNNEN
Wir lieben natürliche Rohstoffe.
Ihren Reichtum.
Ihre Zufälle.
Ihre Schwankungen.
Diesen Reichtum, den ein einfaches technisches Datenblatt nicht immer wiedergeben kann.
Wenn der Parfümeur wirklich die Wahl zwischen einem natürlichen Rohstoff und seiner synthetischen Alternative hat und uns sowohl die Qualität als auch die Lieferkette überzeugen, gilt unsere Vorliebe dem Natürlichen.
Doch diese Vorliebe bringt Verantwortung mit sich.
Wir achten auf die Rohstoffe, die wir verwenden, und verlangen von unseren Lieferanten die nötigen Garantien zu Qualität, Konformität, Herkunft und Rückverfolgbarkeit, wenn eine Ressource es erfordert.
Wir wollen einen natürlichen Rohstoff nicht nur deshalb verwenden, weil sein Name in einer Duftpyramide schön klingt.
Wir wollen verstehen, was dahintersteckt.
Doch diese Vorliebe für das Natürliche bedeutet nicht, dass wir die Synthese für eine minderwertige Version halten.
Damit würden wir die Parfümerie selbst verfehlen.
UND DOCH LIEBEN WIR AUCH DIE SYNTHESE ZUTIEFST
Denn ein Parfum ist keine Bestandsliste schöner Rohstoffe.
Man kann die seltensten Blüten, die teuersten Hölzer und die raffiniertesten Extraktionen anhäufen, ohne dadurch ein großes Parfum zu erhalten.
Der Wert einer Formel bemisst sich nicht an der Zahl der natürlichen Rohstoffe, die sie enthält.
Der Rohstoff ist erst der Anfang.
Dann kommt der Parfümeur.
Und eines seiner schönsten Werkzeuge ist der Akkord.
DER AKKORD: WENN MEHRERE ROHSTOFFE EINEN NEUEN DUFT ENTSTEHEN LASSEN
Ein Akkord entsteht, wenn mehrere Inhaltsstoffe so zusammengefügt werden, dass unsere Nase schließlich etwas anderes wahrnimmt als jeden von ihnen für sich.
Es ist wohl einer der schönsten Zauber der Parfümerie.
Der Parfümeur sucht nicht unbedingt in der Natur nach dem Inhaltsstoff, der genau so riecht, wie er es sich vorstellt.
Er kann ihn bauen.
In 1900 L’Heure de Proust hat Jérôme Epinette so einen Schwarztee-Akkord ausgearbeitet.
In unserer kreativen Arbeit stützt sich dieser Akkord insbesondere auf Bergamotte, Mate und Guajakholz.
Für sich genommen:
Bergamotte ist kein schwarzer Tee;
Mate ist kein schwarzer Tee;
Guajakholz ist kein schwarzer Tee.
Doch wenn sie zusammen verarbeitet werden, entsteht ein neuer Eindruck.
Schwarzer Tee.
Deshalb reicht der Gegensatz zwischen natürlich und synthetisch letztlich nicht aus, um ernsthaft über Parfum zu sprechen.
Der Parfümeur arbeitet natürlich mit Rohstoffen.
Vor allem aber arbeitet er mit den Beziehungen zwischen ihnen.
EINE DUFTPYRAMIDE IST KEINE FORMEL
Diese Unterscheidung hilft auch, etwas zu verstehen, das die Sprache des Parfums manchmal verwirrend macht.
Wenn eine Pyramide angibt:
schwarzer Tee,
Leder,
rauchige Note,
salzige Note,
Palo Santo,
oder sogar bestimmte Früchte und bestimmte Blüten,
bedeutet das nicht zwangsläufig, dass sich ein natürlicher Extrakt mit genau diesem Namen im Konzentrat befindet.
Es kann sich um einen natürlichen Rohstoff handeln.
Um ein synthetisches Molekül.
Um mehrere kombinierte natürliche Rohstoffe.
Um mehrere Moleküle.
Oder um einen Akkord, der beides verbindet.
Die Pyramide beschreibt vor allem, was der Parfümeur Sie riechen lassen möchte.
Sie ist nicht die Abschrift seiner Formel.
Und zum Glück.
Denn wenn Parfum einfach darin bestünde, die Rohstoffe einer Liste nebeneinanderzustellen, wäre der Beruf des Parfümeurs weit weniger faszinierend.
SIND NATUR UND SYNTHESE NOCH ZWEI LAGER?
Vielleicht liegt genau hier das eigentliche Missverständnis.
Wir sprechen oft über das Natürliche und das Synthetische, als gehörten sie zu zwei unvereinbaren Philosophien.
Natur gegen Chemie.
Authentizität gegen Künstlichkeit.
Tradition gegen Moderne.
Doch ein zeitgenössisches Parfum ist oft all das zugleich.
Ein natürlicher Rohstoff kann einer Komposition ihre Seele geben.
Ein Molekül kann ihr Licht verleihen.
Ein Akkord kann einen Duft entstehen lassen, den es in keinem seiner Bestandteile gab.
Eine besonders präzise Extraktion kann es ermöglichen, einen natürlichen Rohstoff anders zu verarbeiten.
Ein neues Molekül kann dem Parfümeur eine Möglichkeit eröffnen, die er vorher nicht hatte.
Die Parfümerie hat nie aufgehört, sich weiterzuentwickeln, gerade weil sie sich nie wirklich zwischen Natur und Erfindung entschieden hat.
ALSO: NATÜRLICH ODER SYNTHETISCH IN DER PARFÜMERIE?
Bei Les Bains Guerbois haben wir eine klare Vorliebe.
Wenn wir einen schönen natürlichen Rohstoff aus einer Lieferkette wählen können, die wir für seriös und ausreichend rückverfolgbar halten, wählen wir ihn.
Doch wir weigern uns, daraus eine moralische Überlegenheit zu machen.
Ein unzureichend beherrschter natürlicher Rohstoff ist nicht automatisch einem perfekt beherrschten synthetischen Rohstoff vorzuziehen.
Eine Formel mit viel Natürlichem ist nicht zwangsläufig schöner.
Eine Formel, die stark auf Synthese setzt, ist nicht zwangsläufig weniger edel.
Die Synthese ist nicht der Feind des Natürlichen.
Sie kann es begleiten, erhellen, verlängern, kontrastieren.
Verschönern.
Im Grunde ist die interessanteste Frage vielleicht nicht:
„Ist es natürlich oder synthetisch?“
Sondern:
„Warum hat der Parfümeur diesen Rohstoff gewählt, und was hat er daraus gemacht?“
Denn zwischen Natur und Chemie liegt noch das Wesentliche.
Der Parfümeur.


